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Abgefahren der Film – Über eine Reise durch Afrika

Lena und Ulli haben eine großes Abenteuer hinter sich: Die beiden sind mit einem Landrover zwei Jahre lang quer durch Afrika gefahren und haben viele Abenteuer erlebt. Jetzt wollen Sie das Erlebte in einem Film erzählen – Abgefahren der Film!

 

Ihr seit mit eurem Landrover 2 Jahre quer durch Afrika gefahren…zu welchem Zeitpunkt kam diese Idee auf und welchen Grund gab es dafür?

Ulli: Wir sind in den Trip so wie er stattgefunden hat total reingestolpert. Ursprünglich hatten wir die Idee, mit unserem Auto die Westküste Afrikas in 6 Monaten bis Südafrika herunter zu fahren. Dort wollten wir eine Weile bleiben und Reisen und dann von dort aus mit dem Schiff nach Südamerika übersetzen, um auch diesen Kontinent unsicher zu machen. Allerdings ist da nicht mal im Ansatz etwas draus geworden. Dass der Plan nicht aufgeht, hat sich schon im ersten Land unserer Reise gezeigt: Marokko. Wir fanden es dort einfach so schön, dass wir allein da schon knapp 3 Monate verbracht haben. Es hat uns dann auch ziemlich schnell gedämmert: mit dem halben Jahr wird das nichts. Ab dann sind wir immer nach Lust, Laune und Gültigkeit unseres Visums unterwegs gewesen. Haben uns immer danach gerichtet, wie wir uns gerade fühlen.

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© Lena & Ulli

Lena: Die Idee, überhaupt mit dem Auto loszufahren, stammt von mir. Ich habe vor Jahren einmal eine Dokumentation über Gunther Holtorf  und „Otto“ seine Mercedes G Klasse gesehen. Er hat mit dem Wagen eine 26-jährige Reise um die Welt gemacht. Das hat mich total umgehauen. Das wollte ich auch! Damals dachte ich: wenn ich einmal eine Beziehung mit einem Partner habe, mit dem ich mir so eine Reise vorstellen kann, dann mache ich das.

Ulli: Ich hatte Anfang 2014 ein Burn-Out. Zuviel Arbeit, zuviel Pendeln, zu wenig bewusst sein. Damals kam ich zu der Erkenntnis: irgendetwas stimmt in einem Leben ganz und gar nicht. Was wusste ich aber nicht. Ich habe ein paar Wochen später meinen Job (9-to-5 Office) gekündigt, denn mit der Arbeit ging es so nicht weiter. Zu dem Zeitpunkt entstand dann die Idee:

Los, wir nehmen uns jetzt beide eine Auszeit, brechen aus unserem gewohnten Leben aus. Mit dem Auto. Und zwar nach Afrika!“

 

Wie lange hat es von der Reiseidee bis zur Reise selbst gedauert? Welche Hürden musstet ihr nehmen?

Ulli: Das lief so typisch für uns.. Ziemlich verpeilt und schnell über den Zaun gebrochen. Es fing alles im Frühjahr an. Weiß gar nicht mehr genau, ob wir den ersten Funken einer Idee nun im März oder April hatten. Auf jeden Fall habe ich meinen Job damals Ende Mai gekündigt, dann noch einen Monat lang gearbeitet und dann wurde alles konkreter.

Wir haben in der Anfangszeit viel recherchiert: Wo wollen wir genau hin? Was wollen wir unterwegs so alles machen? Was erwartet uns auf der Strecke nach Südafrika? Wann ist eine gute Zeit zum losfahren, um die Regenzeit zu umgehen?

So kam der Plan auf, hier in Hamburg spätestens Mitte Oktober loszufahren. Aus den gebloggten Erfahrungen anderer Reisender haben wir uns unseren „Plan“ zusammengebastelt. Dann war da die Frage: mit welchem Auto fahren wir los? Wir hatten zu dem Zeitpunkt einen schönen T3, mit dem wir häufig ans Meer gefahren sind. Der sollte es werden. Aber taugt der auch? Tiefergelegt und mit Austauschmotor? Die meisten Teile irgendwie vom Vorbesitzer selbstgebaut, damit alles passt. Von Autos beide Null Ahnung, haben wir einen Freund gefragt. Dessen vernichtendes Urteil: „Niemals schafft ihr das mit dieser Asphaltsau quer durch Afrika.“ Super, also brauchten wir noch ein Auto. Besser ein Geländewagen, damit können wir dann auch mal von der Straße runter. Das war damals schon Ziel: Abseits der Touri Hochburgen den Menschen der Länder begegnen. Wir haben etwas recherchiert und kamen schnell auf einen Land Rover Defender. Alles andere war für uns einfach nicht bezahlbar, und die Defender waren zu der Zeit recht preisgünstig. Wir haben dann im Juli den ersten Wagen, den wir uns angeschaut haben, gekauft, ohne zu ahnen, worauf wir uns da einlassen. Irgendwann auf der Reise begegnete uns dieser Spruch: Ein Land Rover ist immer krank, aber stirbt nie. Damit ist alles gesagt.

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© Lena & Ulli

Lena: Das Auto umzubauen und reisebereit zu machen, hat den größten Teil der kurzen Zeit, die wir zwischen Juli und Oktober hatten, gekostet. Wir mussten uns aber auch noch um Dinge wie Auslandskrankenversicherung, Zolldokumente für den Wagen, einen Untermieter für unsere Wohnung, unsere Möbel, und die große Frage: nehmen wir Bosse, meinen Hund, mit oder nicht, kümmern. Ich habe die ganze Zeit parallel noch viel für den NDR gearbeitet, so dass ich bis eine Woche vor Abfahrt alles nebenbei und nach der Arbeit erledigt habe. Richtig verstanden, dass wir unterwegs sind und was wir da eigentlich machen habe ich erst, als wir schon längst unterwegs waren. Kurz bevor wir los sind, musste ich noch operiert werden, das war ein ganz schöner Schock. Aber als wir dann einen Abend nach dem Grillen mit Freunden an der Alster in „Otto“ und Gunther reingerannt sind und ich Gunther fest drücken durfte, wusste ich, dass alles gut wird und diese Reise das Beste ist, was ich grad machen kann.

 Wie waren die Reaktionen eurer Familien & Freunde als Ihr von eurem Reisevorhaben berichtet habt?

Ulli: Sehr gute Frage! Unterschiedlicher hätten sie nicht sein können. Von Lena kannten es unsere Freunde und vor allem ihre Familie schon, dass sie für länger unterwegs ist. Afrika war da auch nichts Neues. Meine Eltern haben erst einmal große Augen gemacht und hatten ihre Zweifel daran, ob das denn eine so gute Idee ist.

Die Dinge, die auf den Seiten des Auswärtigen Amts standen … Aber nach anfänglichem Schock haben wir von allen Seiten Zuspruch und Unterstützung bekommen. Mit meinem Vater habe ich den Land Rover von innen ausgebaut: Eine Schrankwand, jede Menge Stauraum und ein Sofa/Bett. Er hat sich dafür extra eine Woche Urlaub genommen.

Dazu haben wir gefühlt noch eine Millionen Flaschen Moskitospray von ihnen geschenkt bekommen und einen Medikamentenvorrat, mit dem wir im Notfall sogar ein Bein hätten amputieren können.“

Lena’s Familie war unser letzter Stopp, bevor es dann tatsächlich aus Deutschland heraus und die Reise losging. Dort haben wir auch noch viel Unterstützung bei den Last-Minute-Vorbereitungen bekommen: Lenas Mama hat Vorhänge und Sitzkissen genäht und Nachbar Dietmar hat alles mit uns eingebaut. Die letzten Dinge am Auto festgezurrt, wie Sandblechhalterungen an der Seite, Klamotten hinten reingeworfen, eine Fusion Rakete auf die Motorhaube gesprüht und dann gings los.

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© Lena & Ulli

Warum gerade Afrika?

Lena: Seit ich klein bin, zieht es mich nach Afrika. Meine Mutter hat damals immer gemeinsam mit ihrem Bruder Daktari geguckt und wollte nach Afrika und einen Schimpansen als Haustier. Den hat sie auch bekommen, allerdings aus Stoff. Diesen habe ich geerbt und mit ihm ihren Traum. Während des Studiums habe ich ein halbes Jahr bei einem Reisemagazin in Südafrika Praktikum gemacht und bin für sie durch’s Land gereist und habe Artikel geschrieben. Von da an war ich endgültig mit dem Afrika Virus infiziert. Ich habe dann immer alles Geld gespart was ich hatte, meine Wohnung zwischenvermietet und bin mit dem billigsten Flug, den ich finden konnte nach Afrika geflogen. Ich habe meinen Jahresurlaub später auf der Arbeit am Stück genommen, um immer mindestens sechs Wochen Zeit zu haben, neue Länder zu erkunden, habe auf einem Overland Truck gejobt und bin mit meinem Rucksack von Südafrika bis Dschibuti gereist.

Sobald ich afrikanischen Boden betrete, geht mein Herz auf. Ich habe das Gefühl, dort zu Hause zu sein. Jedes Land ist natürlich komplett unterschiedlich. Aber gemeinsam haben die Länder eine unfassbare Gastfreundschaft, Lebensfreude und Wärme.

Das Leben dort passiert heute, morgen ist morgen. Und ein Problem für mich ist lediglich das, was meine Gesundheit oder Existenz gefährdet, oder die meiner Freunde und Familie. Alles andere Kleinkram. Das ist etwas, das ich in meinem Leben hier oft vergesse und woran ich in Afrika immer wieder erinnert werde.

Hattet Ihr auch schon während der Reise vor einen Film zu drehen oder ist die Idee erst danach entstanden?

Lena: Die Idee, da einen Kinofilm draus zu machen, ist ganz klar erst danach entstanden. Ich habe während der Reise immer mal wieder kleine Videos der einzelnen Länder zusammengeschnitten, damit unsere Daheimgebliebenen ein Bild davon bekommen, was bei uns so los ist und wie schön es in Afrika ist. Ich bin auch Fotografin und liebe es einfach, Bilder zu machen und Geschichten zu erzählen. Deswegen habe ich auch auf der Reise hier und dort, für die Menschen, die mich einfach total fasziniert haben, kleine Imagefilme gedreht: zum Beispiel für Mame Sy und Susanne in Mauretanien, die eine Nachhilfeschule für die Ärmsten Kinder in Atar, einer Stadt inmitten der Sahara, aufgebaut haben, damit diese Kinder eine Chance auf bessere Bildung und damit einen Job und Zukunft haben.

Ulli: Als wir letzten Sommer wieder nach Deutschland gekommen sind haben wir uns natürlich gefragt: Uff und was nun? Wir haben dann eine Reisedoku im Kino gesehen, die uns einfach unheimlich inspiriert hat. Ihr kennt sie bestimmt: „WEIT“. Nach dem Film waren wir einfach total hin und weg. Geflasht von dem Gefühl mit dem wir aus dem Kino kamen. Da entstand die Idee: Hey, das machen wir auch. Das Material für so etwas haben wir. Uns sind so krasse Geschichten passiert. Und mit einem Film, mit eindrucksvollen Bildern, können wir Afrika anderen so zeigen, wie es uns begegnet ist, wie wir es erlebt haben. Nämlich ebenso schön, freundlich und menschlich, wie „WEIT“ den Rest der Welt zeigt.

Lena: Allerdings waren 22 Monate 24/7 zusammen auf engstem Raum verbringen nicht immer cool. Sogar manchmal ziemlich Scheiße. Wir gingen uns häufig mächtig auf die Nerven. Weil wir trotz dieser gemeinsamen Reise total unterschiedliche Charaktere sind. Diesen Teil des Reisens wollen wir im Film auch zeigen. Denn ganz ehrlich: Wäre das Auto nicht gewesen, hätten wir uns mehr als einmal getrennt.

Am Ende sind wir als Paar durch all die Höhen und Tiefen, die wir zusammen erlebt haben, gewachsen und haben uns gleichzeitig voneinander entfernt. Das ist schwierig zu beschreiben. Wir haben so viele und so intensive Erfahrungen zusammen gemacht, das verbindet auf besondere Art und Weise.

 

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© Ulla & Lena

Wie fühlt es sich an ein so großes Abenteuer zu erleben?

Ulli: Abgefahren, haha! Wir haben die Reise total unterschiedlich wahrgenommen. Ich habe erst im Verlauf der Reise immer mehr und erst seitdem sie vorbei ist so richtig kapiert, was für ein Geschenk sie für mich war. Währenddessen war ich mit vielen Situationen überfordert. Allein die Verantwortung für das Auto zu haben. So ganz ohne Ahnung, was ich da tue. Aber ich bin daran gewachsen. Kann über all den Scheiß, der mir die Schweißperlen auf die Stirn getrieben hat, jetzt sehr gut lachen. Und will wieder los! Aber mit einem größeren Wagen! Und weniger Elektronik!

Lena: FREI!!!!

Und jetzt? Seit ihr zurück in eurem „normalen“ Leben? Hat sich an eurer Lebensweise etwas geändert?

Ulli: Ich denke wir haben uns beide auf der Reise verändert und vieles mitgenommen, was jetzt in den Alltag Einzug findet. Allen voran bewusster durch den Tag zu gehen. Bei allem: Zum Beispiel beim Essen. Wir haben gerade angefangen, uns beim Foodsharing zu engagieren. Ich war jetzt einmal mit auf einem Wochenmarkt und habe dort eine Abholung der Lebensmittel miterlebt, die normalerweise von den Händlern weggeschmissen werden würden, weil nicht mehr perfekt und damit nicht mehr zu verkaufen. Was das für Massen an Lebensmitteln sind! Und die sind noch gut. Außerdem trage ich gerade noch von vor der Reise eingelagerten Kleiderschrank auf. Was ich für Mengen an T-Shirts hatte, von denen ich immer nur dieselben fünf angezogen habe.

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©Lena & Ulli

Lena:Ich glaube es gibt nie ein zurück, sondern nur ein vorwärts. Ich habe mich so sehr verändert, dass alles was einmal mein Alltag war, nicht mehr zu mir passt. Zumindest nicht in der alten Form. Ich bin da raus gewachsen. Vielleicht habe ich auch nie wirklich in mein altes Leben gepasst, sondern nur angenommen, dass es das war, was ich wollte. Weil ich es nie hinterfragt habe. Immerhin hatte ich ein „Traum“-Leben, wofür ich immer hart gearbeitet habe. Aber ich habe mich nie wirklich am Leben gefühlt, nur auf meinen Reisen, wenn ich ausgebrochen bin. Seit wir aufgebrochen sind, habe ich angefangen, zu mir selbst zu finden, achtsamer mit mir und meiner Umwelt umzugehen. Ich bin aus meinem „Alltag“ rausgetreten, habe mich getraut, etwas anders zu machen, mit Abstand auf das Gewohnte zu gucken. Und das war für mich der einzige Weg, mit dem Herzen zu verstehen, was bisher falsch gelaufen ist.

Es ist das größte Geschenk dieser Reise gewesen, die Erfahrung zu machen, dass Veränderung nicht im Außen passiert, sondern in meinem Innern. Jeden Tag wachse ich weiter und das ist wunderbar.

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Florian Laudon

The author Florian Laudon