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Solo Surftrip – Allein unterwegs in Portugal

Ich reise nicht alleine, um mich selbst zu finden, vielmehr um ich selbst sein zu können und neue Leute zu treffen. Meine Leidenschaft für´s Surfen und mein unersättlicher Wissenshunger für fremde Kulturen spielten dabei immer schon eine große Rolle. Jeder kennt das, der eine bekommt keinen Urlaub, der andere hat eine(n) sesshafte(n) Freundin/Freund, mehr Lust auf Cluburlaub oder – wie es in meinem Fall zumeist war – teilt die Leidenschaft des Surfens nicht jeder. Ich habe mich lange Jahre nach den Interessen von Freunden gerichtet, bis ich das „Ruder“ selbst in die Hand nahm. Partyurlaube, Backpacking Trips und Städtereisen. Klar, versteht es – gerade unter deutschem, zumeist nicht surfendem Umfeld – eher selten jemand, wenn man einen kleinen Fischerort inmitten nirgendwo mit einem pumping lefthander, der Strandbar des 5-Sterne Resorts in Thailand vorzieht. Für mich ist das traditionelle Fischerdörfchen ohne eine Menschenseele dafür aber mit pumping left das reinste Paradies.

Und genau deshalb bin ich mal wieder alleine losgezogen… Solo Surftrip nach Portugal.

Mein Reisebudget ist seit dem Master-Studienbeginn so low wie die Tide auf trockenem Riff, aber für einen Ryan Air Flug nach Portugal hat´s noch gereicht. Über das Spezialangebot des Billig-Fluganbieters war sogar noch ein kleiner Mietwagen drin. Schlafen geht auch im Auto, am Strand oder bei netten Surfkollegen vor Ort. Essen? Da verlasse ich mich meistens auf meinen natürlichen Überlebensinstinkt. Der nette Typ vom Car Rental in Portugal hat nur ein müdes Lächeln für den gebuchten Renault Clio und meine dicke Surfboardbag übrig und upgradet mich kostenfrei auf einen brandneuen Skoda Fabia Kombi! Aus Angst um Überbelastung des Renaults, weil er mir an der Nasenspitze ansah, dass ich im Auto nächtigen will, aus Mitleid mit einem allein reisenden Blondchen oder einfach weil Interrent super ist! Läuft in jedem Fall!!!

Solo Surftrip

Fahrt ins Ungewisse

Wo ich mein portugiesisches Surf Debüt gebe, lasse ich die Wellen entscheiden. First stop ist also erstmal der nächste Supermarkt um mein Handy mit einer internetfähigen Sim-Karte auszurüsten. Dann geht´s nach Peniche. Ein bisschen surfbarer Rest-Swell sollte vom Ripcurl Pro der WSL noch übrig sein. Ein kurzer Test der Wassertemperatur lässt mich allerdings erstmal zurückschrecken. Ca. 12 Grad kälter als mein letzter Surf in Indo. Aber deshalb bin ich ja hier. Um mich ans kalte Europa zu gewöhnen, denn hier werde ich den Winter verbringen. Ich entscheide mich für den dicksten meiner Wetsuits was bei einer Wassertemperatur von 18 Grad ein 5.4mm Neopren ist. Alle die jetzt den Kopf schütteln, ihr habt Recht. Aber ich musste diese Erfahrung erst selbst machen. Bei kaum Bewegungsfreiheit und dementsprechender Anstrengung schaffe ich gerade mal 1,5 Stunden im Wasser. Dennoch der Surf war gut. Supertubos hatte sogar noch das ein oder andere kleine Barrel übrig. Nachdem ich dann den ganzen Tag mit mehreren Pausen im Wasser verbracht habe, hatte ich natürlich keine Zeit, mich um eine Unterkunft zu kümmern. So verbringe ich die erste Nacht im Auto. Platz habe ich dank Interrent´s Großzügigkeit ja nun genug im Skoda Kombi. Bequem ist´s auch in meinem Schlafsack und der perfekt mit Luftpolster ausgelegten Boardbag. 6.30 Uhr früh am nächsten Morgen. Langsam geht die Sonne auf, zwar ist es noch dunkel, aber den Wetsuit kann ich schonmal anziehen. Heute ist es dann doch der 3.2 er von Ripcurl. Der ist flexibler und gibt mir ausreichend Bewegungsfreiheit. Zwar ist in der ersten Minute im Wasser ein kleiner Kälteschock zu überwinden, aber danach hält der Dawnpatrol wunderbar warm. „Almagreira“ heist der Spot an dem ich für drei Stunden noch ein paar gute Wellen catchen kann. Dann wird´s unangenehm klein. Mit Shortboard kaum mehr spaßig, also greife ich zum Longboard. Das muss ich mir ausleihen, 6€ für 2 Stunden. Budget hin oder her, ich bin zum Surfen hier und das muss drin sein. Miguel vom Surfboard Rental stattet mich mit einem knallpinken Longboard von Roxy aus. Passt ja überhaupt nicht zu mir, denke ich. Dennoch verbringe ich aus Mangel an genügend Swell auch noch den nächsten Tag auf meinem neuen pinken Floß. Hätte ich mir zu Beginn nicht vorstellen können, aber ich hatte einen riesen Spaß auf der pinken Planke. Der Crosstep sitzt dann jetzt auch fast. Als es ums Zahlen geht, lacht Miguel vom Verleih nur und meint: Don´t worry about it. OBRIGADA!!! (Danke), freue ich mich. Beim Mittagessen habe ich über Couchsurfing eine Bleibe ausfindig gemacht. Das Apartment ist direkt am Strand mit Blick auf´s Meer und auf dem Weg in den ersten Stock begegnet mir zufällig ein alter Bekannter. Bei ihm informiere ich mich noch kurz über meinen Gastgeber, bevor ich mich dem Unbekannten für die nächsten vier Nächte anvertraue. ‚Alles easy‘ versichert er mir. Mein Gastgeber ist Anfang 40 und fit wie ein Turnschuh. Surfer eben. Und das mit Leib und Seele. Ihm gehört ein Surfcamp in Peniche! Von Crossfit bis Yoga über Surflessons ist alles dabei. Kein Wunder ist er so durchtrainiert. Training heißt es dann auch erstmal für mich! Als er meine Bretter sieht, bietet er an, mir ein kleines Surfcoaching zu geben. Puh, gleich mal mein Können unter Beweis stellen. Ich bin leicht unter Druck, denn die Konditionen sind nicht gerade zu meinem Vorteil. Der Wind bläst Onshore und die Wellen sind klein, kurze Rides und trotzdem ist viel Gepaddel involviert. Immerhin erwische ich die eine oder andere Welle, sodass er sich wenigstens ein grobes Bild von meinen Fähigkeiten machen kann. Nach dem Surf dann die große Analyse. Er gibt mir wertvolle Tips für Manöver, Turns und Cutbacks. Wir schauen gemeinsam Surfvideos, immer wieder stoppt er bei den Manövern und erklärt wie´s geht. Was für ein absoluter Glücksgriff in Sachen Unterkunft. Dann kommt endlich wieder Swell. Die nächsten zwei Tage surfe ich ein kleines Riff in Baleal ‚lagide‘. Dann geht meine Reise weiter südlich, nach Caparica. Schließlich wollte ich – anders als sonst immer in Indonesien – mehr Beachbreaks surfen. Caparica hat diese zu Genüge. Onshore, 6 Fuß Sets und ein Haufen Leute im Wasser. Nicht das, was ich unter optimalen Bedingungen verstehe, aber genau das, was ich erwartet habe. Ich muss zugeben, zunächst hat mich das Rauspaddeln ein wenig Überwindung gekostet. Draußen hat es dann geschlagene 30 Minuten gedauert, bis ich mich an die Konditionen gewöhnt und dann sogar doch noch richtig Spaß hatte. Anders als in Indonesien hatten die Wellen hier deutlich weniger Druck. Die Waschgänge waren fast wie ein sanftes Bad im Vergleich zu den Wipeouts, die ich auf indonesischen Riffen oft eingesteckt habe. Hier bleibe ich die nächsten zwei Tage. Geschlafen wird jetzt auch wieder im Auto. Abends treffe ich mich dann zum Essen mit einem Kollegen, Thomas Zielinski von GetWetSoon. Hatte ich schon erwähnt, dass ich alleine unterwegs bin? Wirklich alleine ist man kaum, wenn man sich als Frau auf einen Solo-Surftrip begibt. Am darauf folgenden Tag gehen wir zusammen surfen. Danach geht meine Reise weiter Richtung Ericeira, wo ich wieder die letzten Wellen des Swells absurfe. Wie in der Woche zuvor zwischen Tür und Angel vereinbart, treffe ich mich mit Rob – dem alten Bekannten zum Abendessen. So viele interessante Leute in so kurzer Zeit! Und ich kann kaum glauben wie schnell der Trip auf die letzten zwei Tage zugeht. Beim Surfcheck am nächsten Tag treffe ich dann noch auf einen weiteren Kollegen. Er ist Surffotograf und wir haben uns vor zwei Jahren beim Berichten über ein WSL Event in Portugal kennengelernt. Wir sitzen auf den Klippen von Ericeira, beobachten die Wellen und testen seine nagelneue Sony a 6300 Kamera. Unglaubliche Aufnahmen! Slowmotion war noch nie so flüssig, scharf und klar! Nach einer guten Stunde Experten-Talk, Tipps und Kontaktaustausch fahre ich weiter in Richtung Figuera do Foz, wo ich die letzten zwei Nächte meines Trips spontan, im Janga Wonderland – einem Surfcamp von Freunden – verbringe.

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Bei Ankunft gibt mir Julia eine ausgiebige Führung. Ich war bereits in zahlreichen Camps und Hostels, verteilt über den Globus, aber das Janga Wonderland steht seinem Namen in wirklich nichts nach! Sauna, Fitnessraum, Pool, alle Zimmer haben Blick auf den Surf, das Grundstück bietet mit 20 Hektar Fläche genügend Platz zum austoben und mit einer Mini-Bowl sogar Möglichkeit zum Skaten, Massage, Yoga, Reiten, Surflessons, ausgiebiges Frühstück und leckeres Abendessen. Man fühlt sich sofort willkommen und zu Hause. Langweilig kann es einem hier sicher nicht werden. Schon allein die Geschichte der Gebäude, in die das Camp integriert wurde, ist so faszinierend, dass man gar nicht genug darüber fragen kann. Leicht am Berg gelegen bietet das Janga Wonderland Ausblick über die ganze Stadt und perfekte Sicht aufs Meer. Erkundet man das Grundstück genauer, entdeckt man ein altes Kreuzfahrtschiff, das in eines der Häuser mit eingebaut wurde. Original, mit Schiffsglocke und Scheinwerfer, wild bewachsen mit Efeu. Ein kleines Wunderland eben. Die beiden haben die alten Gebäude mit viel Liebe zum Detail renoviert, geniale Möbel aus Paletten gebaut und jedes Zimmer individuell damit bestückt. Alles ist aus alten Paletten neu gemacht, Schränke, Betten, Lampen, Regale… Yoyo und Julia haben viel Kreativität und Arbeit in ihr Camp gesteckt. Swell hatte es leider keinen mehr in meinen letzten zwei Tagen, sodass ich mich in Sachen Wellenbewertung auf Bilder aus guten Tagen verlassen muss und die stehen ebenfalls im Namen des Camps. Wonderland. Ich nutze die wellenfreien Tage, um meine Muskeln von den langen Surfs der letzten 10 Tage zu entspannen, lehne mich zurück und genieße die Umgebung.

Abflug. Und an dieser Stelle sei gesagt: Ohne Ryan Air´s Tarife wäre dieser Trip nicht möglich gewesen. Dafür bin ich unendlich dankbar und werde mich auch beim nächsten Mal wieder gerne in einen der gelb-blauen Surfexpresse setzen, denn selbst meine Boards wurden unversehrt transportiert. Das gelang schon vielen Normalpreis-Airlines nicht so einwandfrei!

Alleine nimmt man sein Umfeld unbewusst viel bewusster wahr, ist aufmerksam im Umgang mit Fremden und deren Aktionen mit einem selbst, man registriert und analysiert die Umwelt ganz anders als unter Begleitung. Ich genieße die Freiheit, Entscheidungen unabhängig zu treffen, je nachdem wie ich gerade Lust habe, dass ich mir Fehlentscheidungen selbst zuschreiben muss, weil sonst keiner da ist, der sich die Schuhe anziehen könnte und die Möglichkeit zu haben, allein und für mich selbst denken zu müssen. Denn nur ich bin dafür verantwortlich, wie ich von Ort zu Ort komme, wo ich nächtige, wem ich Vertrauen schenke und was ich esse, genauso, wie ich meine Fähigkeiten im Surfen selbst einschätzen muss. Den Weg ins Line up muss ich alleine zurücklegen und es aus eigener Kraft auch wieder zurück zum Strand schaffen.

Eines sollte also jedem vor Antritt des Surftrips oder der Reise klar sein: Es kann dir passieren, dass du schwierige Situationen ohne fremde Hilfe bewältigen musst. Ich glaube dennoch, die positiven Aspekte des alleine Reisens überwiegen die Risiken. Sicher ist es schön jemanden zu haben, auf den man sich verlassen kann, besonders zufriedenstellend ist es aber, wenn dieser jemand du selbst bist und somit dein eigener Verstand.

Ich hoffe, ich konnte den oder die ein oder andere(n) dazu ermutigen, sich auch mal alleine auf einen Surftrip zu begeben!

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Janine Reith

The author Janine Reith

Hi, mein Name ist Janine und seit 1,5 Jahren versuche ich meinen Surf- und Snowboardtrip um die Welt zu beenden, um mich wieder meiner zweiten Leidenschaft, dem Journalismus zu widmen. Klappt nicht, also verbinde ich jetzt beides miteinander, because I am a problem solver.
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